Naturbrut – Handaufzucht – Importvogel – Wildfang
Was ist das – was soll ich kaufen?
Sie sind fasziniert von Papageien und Sittichen, möchten sich diese wunderbaren Vögel zulegen und haben sich bestimmt schon anhand von Literatur ein erstes Bild gemacht. Dieses kleine Informationsblatt gibt Ihnen Erklärungen zu den oben genannten Begriffen aus der Sicht von erfahrenen Papageienhaltern, so wie sie nicht unbedingt in Büchern zu finden sind.
Natürlich kann hier nur ansatzweise auf die Themen eingegangen werden; bitte informieren Sie sich im eigenen Interesse eingehender und nutzen Sie das Internet!
Wildfänge
Unter Wildfängen versteht man Vögel, die in ihrer Heimat aus dem Freileben gerissen und bei uns zum Verkauf angeboten werden. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, was diese Vögel durchmachen müssen: gefangen in Fallen, eingepfercht in engen Käfigen, transportiert nach Europa, wochenlange Quarantäne, vollgestopft mit Antibiotika - total verstört und verängstigt gelangt die "Ware" Papagei schließlich in den Handel und zum Kunden. Dass viele diese Prozedur nicht überleben, dürfte klar sein.
Inzwischen ist der Import von Wildfängen EU-weit verboten. Neue Wildfänge dürften dadurch nicht mehr legal in den Handel gelangen. Natürlich kann man ohne moralische Bedenken Wildfänge kaufen, die vor längerer Zeit importiert wurden und nun vom Besitzer abgegeben werden.
Importvögel
müssen keine Naturentnahmen sein, sondern können auch im Ausland nachgezogene Tiere sein. Sie stammen zumeist aus Großzüchtereien.
Europäische Nachzuchten
sind in Europa erbrütete Vögel. Auf sie sollte man nach Möglichkeit zurückgreifen und dabei die Aufzuchtmethode beachten.
Handaufzuchten
Handaufzucht "ab Ei": Die Eier werden den Vogeleltern weggenommen und in einem Brutapparat ausgebrütet. Diese Methode handhaben vorwiegend Großzüchtereien. Gefüttert wird nicht selten mit der Kropfsonde, weil es am schnellsten geht. Welchen Stress mag es für die Elternvögel bedeuten, wenn sie nie zu einem Bruterfolg kommen?
Teil-Handaufzucht: Die Jungen werden im Alter von ca. 6 Wochen (kleine Arten entsprechend früher) von den Elterntieren getrennt. Diese Methode praktizieren viele Hobbyzüchter.
Die Breinahrung erhalten die Jungvögel mit der Futterspritze oder mit dem Löffel. Durch den engen Kontakt zu dem Züchter und durch das Füttern sind sie von klein auf an den Menschen gewöhnt und sehr zahm.
Dies hört sich zunächst für den Kaufinteressenten sehr attraktiv an, bekommt er doch auf diese Weise zahme, menschenbezogene Tiere.
Doch leider bedeutet dies auch: Diese Vögel konnten von ihren Eltern nichts lernen, und lange nicht alle Verhaltensweisen sind angeboren.
Welchen Stress mag es für die Elternvögel bedeuten, ihre Jungen regelmäßig nach 6 Wochen zu verlieren?
Nicht futterfeste Vogelbabys
Ein Jungvogel ist dann futterfest, wenn er sich völlig selbstständig von der angebotenen Nahrung ernähren kann.
Der neueste Trend ist, dass Züchter ihre Vogelbabys bereits zu einer Zeit an den Käufer abgeben, wo sie noch nicht allein fressen können und deshalb von Hand gefüttert werden müssen.
Doch bei der Handaufzucht können sehr viele Dinge falsch laufen; nur ein erfahrener Züchter wird sofort merken, wenn irgendetwas mit dem Baby nicht stimmt. Ein Anfänger erkennt dies nicht oder zu spät und der kleine Vogel trägt womöglich Spätschäden davon oder stirbt.
Verkauf und Kauf von nicht futterfesten Jungvögeln sind leichtsinnig und verantwortungslos!
Naturbruten (Elternaufzuchten)
Die Jungen bleiben so lange bei ihren Vogeleltern, bis sie selbstständig sind. Dies ist die natürliche und aus Vogelsicht einzig richtige Art der Brut. Denn den Eltern wird der erzwungene Abbruch ihrer Bruttätigkeit erspart und die Küken lernen von den Eltern alles, was ein Vogel wissen muss: die arteigene Körper- und Lautsprache, die Gefiederpflege, das Kraulen und Füttern untereinander – alles Dinge, die sie fürs spätere Zusammenleben mit Artgenossen benötigen. Kann ihnen das der Mensch beibringen?
Viele Neulinge in der Papageienhaltung stellen sich unter "Naturbrut" ein scheues, wild flatterndes, panisches Etwas vor, das nur sehr schwer zu zähmen sei. Sie möchten aber gern zahme Vögel, und weil sie sich die Eingewöhnung nicht zutrauen, greifen sie lieber zur von Anfang an umgänglichen Handaufzucht. Was sie jedoch nicht wissen: Handaufzuchten neigen erheblich stärker zu Verhaltensstörungen (z.B. Rupfen und Schreien) als Naturbruten und entwickeln leichter ein paar Unarten, die auf Dauer die Haltung erschweren und sehr unerfreulich machen können.
Ist eine Naturbrut so wild, dass der wenig erfahrene Halter überfordert ist mit ihrer Eingewöhnung?
Definitiv NEIN! Auch Naturbruten kommen in einem Alter in den Handel, in dem sie allem Neuen gegenüber aufgeschlossen sind. Es dauert also nicht lange, bis sie ihren neuen Futterbringer kennen. Mit ein wenig Geduld und Einfühlungsvermögen und dank der Neugier junger Tiere gewöhnen sich beide schnell aneinander und werden gute Freunde. Naturbruten werden genauso zahm wie Handaufzuchten, aber sie wissen trotzdem, dass sie Vögel sind.
Die Handaufzucht hingegen hat den Menschen als "Mama" kennen gelernt, sie hat keine natürliche Distanz zum Menschen, anders gesagt: Sie weiß nicht, wo die Grenzen sind. Der Jungvogel (besonders bei Einzelhaltung – die wir ja nicht anstreben) wird schnell zur "Klette", die ständig an ihrem Menschen hängt und schreit, sobald er außer Sichtweite ist. Nicht nur Kraulen und Schmusen werden eingefordert, sondern die unter Vögeln üblichen kleinen Rangeleien und Schnabelgefechte will die Handaufzucht auch mit Ihnen, ihrem Halter, austragen.
Hat man sich erst einmal so eine "Klette" herangezogen, wird es schwierig, ihr dieses Verhalten wieder abzugewöhnen. Möchten Sie wirklich für die nächsten 20 – 30 Jahre ständig ein solches Tier um sich haben?
Wenn Sie sich Handaufzuchten anschaffen, dann bitte gleich von Anfang an zwei Vögel, denn die spätere Verpaarung eines auf den Menschen geprägten Einzelvogels ist problematisch und klappt nicht immer.
Mit Eintritt der Geschlechtsreife kann es bei allen Papageien vorkommen, dass der Vogel sein Revier oder Partner(in) verteidigt und den Menschen als Rivalen betrachtet und attackiert. Da den Handaufzuchten die natürliche Distanz zum Menschen fehlt, tendieren sie stärker zum Beißen als Naturbruten, mitunter auch aus kaum erkennbaren Gründen. Ein solches Verhalten zeigen Naturbruten in der Regel nicht.
Warum also nicht zur Naturbrut greifen und ein wenig dazu beitragen, dass die Vögel in Menschenobhut ihr natürliches Verhaltensrepertoire so weit wie möglich beibehalten dürfen?
Diesen Artikel als PDF-Datei herunterladen.
Verwandter Artikel:
Unterschied zwischen Handaufzucht und Naturbrut
als pdf-Datei herunterladen.
